Der erste Wendt der Woche: Kofferhersteller

23. KW 2018

 

Vor jeder Reise geht mein erster Gedanke beim Kofferpacken an die Kofferhersteller. Wegen der Geräusche, die die Räder verursachen. Beim Rollen. Ich vermute ja, dass Kofferentwickler entwickelte Koffer nicht testen. Wie ich darauf komme? Sag ich Ihnen gerne:

 

Ich bin davon überzeugt, dass Kofferhersteller ihr Produkt nicht in Alltagssituationen hinter sich herziehen, sondern immer nur auf Teppichböden zur Rushhour, wenn man sowieso außer Lärm nichts hört. Ich dagegen ziehe immer nur frühmorgens oder spätabends, und auch nur auf Kopfsteinpflaster.

 

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ziehe ich auch in den falschen Städten: Bremen, Stuttgart, Recklinghausen, um nur einige zu nennen. Flüsterasphalt gibt’s da selten bis nie. Wahrscheinlich müsste ich meinen Koffer mal in Stickum oder Pst ziehen, doch da hat man mich bislang nicht gebucht. Es ist ein schönes Gefühl, zwischen 23.30 Uhr und 05.30 Uhr einen Koffer, dessen ratternde Rollen an von Brauereipferden gezogene Bierkutschen erinnern, durch im Tiefschlaf befindliche Innenstädte hinter sich her zu ziehen. Der Einmarsch der Gladiatoren im alten Rom muss mucksmäuschenstill dagegen gewesen sein.

 

Meine Koffer, derzeit fünf an der Zahl, sind ums Verrecken nicht leise. Sie sind laut. Extrem laut, wobei es keine Rolle spielt, ob der Koffer zwei oder vier Räder hat. Woran mag das liegen? Bin ich zu empfindlich? Habe ich Murks gekauft? Menschen haben es doch geschafft, Herzen zu verpflanzen und zum Mond zu fliegen. Und wie es scheint, werden wir in absehbarer Zeit mit Hilfe des autonomen Fahrens auch den blödesten Autofahrer fehlerfrei rückwärts in jede Parklücke lotsen können. Warum funktioniert Fortschritt nicht bei Koffern?

 

Würde Fortschritt auch dort funktionieren, hätte 2016 eine Mieterin aus Köln ihre Wohnung vielleicht nicht verloren. Sie hatte gegen 01.30 Uhr nachts ihren Koffer durch das Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses in den Keller gezogen und dabei einen Heidenlärm verursacht. Ein Mitmieter wurde dadurch wach. Er sprach sie auf ihr merkwürdiges Verhalten an. Daraufhin brüllte sie, er sei ein blöder Sack. Irgendwie nachvollziehbar, denn was konnte sie dafür, dass ihr Kofferhersteller keine leisen Weichgummiräder verwendet hatte? Der Vermieter kündigte ihr unter anderem wegen dieses Lärms. Und bekam recht. Also Kollegen, wie wär's mal mit leisen Rädern?

 

Für Interessierte: LG Köln 15.04.2016 - 10 S 139/15

 

© Detlef Wendt