Der 27. Wendt der Woche: Muttersprache - Mit Foto + Musiktipp

49. KW 2018

 

 

Kommt man auf die Welt, ist Sprache schon da, man muss sie nur erlernen. Eigenmächtige Veränderungen klingen aus einem Kindermund lustig, aus dem Mund eines Erwachsenen eher ungebildet. Sprache ist das Spiegelbild der Bildung. Jemandem, der Wörter benutzt wie grandios oder Spontaneität, traut man eine höhere Bildung zu als jemandem, der ...

 

... boah, ey und krass zu seinem Hauptwortschatz zählt. Lebendige und schöne Sprache lebt von der Vielfalt. Und unsere Sprache ist vielfältig. Sie kennt beispielsweise drei verschiedene Artikel: Der, die das. Der Franzose kommt mit zweien aus, der Engländer gar mit einem, was vermutlich auf den übermäßigen Genuss von Minzsauce zurückzuführen ist. Mit unseren drei Artikeln schaffen wir nicht nur sprachliche Vielfalt, sondern auch Probleme, die den Engländern erspart geblieben sind: Warum heißt es die Sprache, aber das Land? Und warum wird die Sprache mit der Mutter zu der Muttersprache verbunden, das Land mit dem Vater dagegen zu dem Vaterland?

 

Der Engländer dagegen hat es leicht: Den entsprechenden Wörtern „Motherlanguage“ und „Fatherland“ stellt man, einfallslos, wie die Engländer sind, ein schnödes „the“ voran. Wir dagegen plagen uns mit der Vielfalt und dem damit verbundenen Unbill, sprachliche Ungereimtheiten oder Ungerechtigkeiten hinnehmen zu müssen. Nicht jeder ist dazu allerdings klaglos bereit. Ein von unbeugsamen Seniorinnen bevölkertes kleines Dorf im Saarland gibt nicht auf und leistet hartnäckigen Leugnern weiblicher Sprache genussvoll Widerstand: 

  

Eine saarländische Seniorin stellt fest, dass ihre Sparkasse in den Formularen stets nur von „Kunde“ und „Kontoinhaber“ spricht. Sie fühlt sich nicht angesprochen und demnach benachteiligt. Sie verklagt die Sparkasse mit dem Ziel, diese möge in ihren Formularen auch die weibliche Form verwenden. Das Landgericht Saarbrücken weist die Klage ab. Es meint, die Verwendung genderfreundlicher Begriffe wie „der Kunde/die Kundin“ oder „der/die Kunde/in“ erschwere das Lesen der an sich schon schwer verständlichen Formulare unnötig. Die von der Seniorin eingelegte Revision beim Bundesgerichtshof blieb erfolglos. Auf 20 Seiten begründet der Senat seine ablehnende Entscheidung, wobei der Leitsatz lautet: „Nach dem allgemein üblichen Sprachgebrauch und Sprachverständnis kann der Bedeutungsgehalt einer grammatisch männlichen Personenbezeichnung jedes natürliche Geschlecht umfassen ("generisches Maskulinum").“

 

Den Entscheidungsgründen entnehme ich, dass sich der BGH auch auf die Jahrtausende alte Tradition und die Verwendung der männlichen Form in zahlreichen Gesetzen bezieht. Nehmen wir nur § 535 Absatz 2 BGB, dort steht: Der Mieter ist verpflichtet, dem Vermieter die vereinbarte Miete zu zahlen. Das Gesetz leugnet schlicht die Existenz von Vermieterinnen und Mieterinnen. Ist ein Anwalt daher gut beraten, seiner Mandantin, die von ihrer Vermieterin auf Zahlung rückständiger Miete verklagt wurde, zu empfehlen, nicht zu zahlen? Mit der Begründung, das Gesetz treffe auf sie gar nicht zu, denn sie sei kein Mieter, sondern eine Mieterin? Wohl kaum.

 

Das Argument des BGH ist vertretbar, klingt aber arg angestaubt. Die Seniorin war offenbar nicht überzeugt. Sie meint, Sprache, die 2000 Jahre falsch verwendet worden sei, müsse doch nicht noch weitere 2000 Jahre falsch verwendet werden.

 

Die Entscheidung wurde vom sechsten Senat getroffen. Ihm gehörten zum Zeitpunkt der Entscheidung 3 Richter und 2 Richterinnen an. Wäre das Ergebnis wohl anders ausgefallen, wenn dem Senat ausschließlich Richterinnen angehört hätten? Ich weiß es nicht, und spekulieren möchte ich dabei ungerne. Nur in einem bin ich mir sicher: Die Entscheidung wird dem Bundesgerichtshof nicht leichtgefallen sein. Wir müssen sie akzeptieren. Auch wenn Sprache lebt. Oder bezeichnen Sie etwa Ihr heutiges Abendmahl aus Erbsensuppe + Bier als Siebsensuppe + Bisie? WC (Wohl Caum), oder? Prost Mahlzeit.

 

Für Interessierte:

BGH 18.03.2018 – VI ZR 143/17

Musiktipp:

Life is a killer von Finally George

 

Frauensilhouette

Frauensilhouette auf einer Herrentoilette - irgendwie unpassend, oder?

 

© an Text und Bild: Detlef Wendt