Der 43. Wendt der Woche: Scheich Winnetou - Mit Musiktipp

13. KW 2019

 

Ich las, in Hamburg hätte eine Kita den Eltern Empfehlungen über die Kostümierung ihrer Kinder an Karneval gegeben. Kostüme, die auf die Zugehörigkeit einer ethnischen Minderheit Bezug nähmen, seien zu vermeiden. Konkret meinte man, sei nicht erwünscht, dass die Kinder als Indianer oder Scheich verkleidet kämen. Die Empfehlung, so hieß es, beruhe auf einer Broschüre des Bundesfamilienministeriums. Ich war verblüfft. Glaubt das Ministerium, ...

 

man begegne als Erwachsener seinen Mitmenschen toleranter und vorurteilsfreier, wenn man sich in der Kindheit als Duschgel oder Knoblauchpresse verkleidet hat? Ich fragte mich spontan, was gerade noch geht und was schon anrüchig ist.

 

Indianer scheiden demnach aus. Nur warum? Weil sie mit ihren einfachen Waffen diejenigen getötet haben, von denen sie selbst mit besseren Waffen massenweise getötet wurden? Dann dürften wohl auch Piraten ausscheiden, denn auch sie verstanden sich auf’s Töten und Plündern ausgezeichnet. Oder sind Piraten deswegen salonfähig, weil einige ihrer Nachfahren heute ganze Länder regieren?

 

Da bleibt die Frage, welche Verkleidung Eltern ihren Kindern heute noch guten Gewissens empfehlen können. Mein Vorschlag: Ab dem nächsten Jahr gehen wir alle nur noch als Armleuchter. Der Vorteil dabei ist, dass sich einige von uns dazu gar nicht mehr verkleiden müssen. Und die anderen setzen sich Masken auf. Der eine nimmt die Maske vom Chef oder von der Kollegin, der andere die vom Ehemann oder der Nachbarin. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn dabei nicht jeder irgendwo fündig wird. Und sollte Ihnen außer dem aktuellen amerikanischen Präsidenten gar niemand einfallen: Nehmen Sie einfach eine Maske von mir. Ich kann prima damit leben.

 

Bliebe letztlich noch zu klären, welche Spiele das Bundesfamilienministerium den Kindern anstelle von Cowboy & Indianer zukünftig empfiehlt. Messdiener & Priester etwa? Heiliger Strohsack!

 

Ein Gericht in Frankfurt hatte einen äußerst prekären Fall zu entscheiden. Ein in Deutschland lebender Israeli buchte über das Internet bei Kuwait Airways ein Flugticket von Frankfurt nach Thailand. Mit Zwischenlandung in Kuwait. Kurz vor dem Abflug stornierte die Fluggesellschaft den Flug, weil es in Kuwait gesetzlich verboten sei, Geschäfte mit Israelis zu machen.

 

Der Israeli klagte. Und wähnte sich auf den ersten Blick nicht zu Unrecht im Recht. Immerhin hatten zuvor ein Schweizer und ein amerikanisches Gericht in einem ähnlichen Fall einem Israeli Recht gegeben.

 

Doch das Landgericht Frankfurt wies die Klage ab. Es berief sich dabei auf ein in Kuwait seit 1964 bestehendes Gesetz, das Vereinbarungen aller Art mit israelischen Bürgern verbiete. Und das unabhängig vom Glauben. Es kommt ausschließlich auf die Staatsangehörigkeit an, denn auch muslimischen Israelis droht das gleiche Schicksal.

 

Der Frankfurter Richter hielt sich nicht für befugt, darüber zu urteilen, ob dieses Gesetz sinnvoll sei, oder ob es nach unseren Wertevorstellungen überhaupt Bestand haben könne. Er meinte aber, er könne eine kuwaitische Fluggesellschaft nicht zwingen, in Deutschland einen Vertrag abzuschließen, dessen Abschluss nach kuwaitischem Recht verboten sei.

 

Teile der Presse und Politik waren fassungslos, zerrissen das Urteil in der Luft und schimpften auf das Gericht. Ich befürchte, der Richter wird sogar Morddrohungen erhalten haben.

 

Der Kläger legte erwartungsgemäß Berufung gegen das Urteil ein. Doch das OLG Frankfurt bestätigte die Entscheidung. Watt nu? Also ich setze meine ganze Hoffnung auf das Bundesfamilienministerium mit ihren tollen Ideen. Hat ja schon mal geklappt, bei Indianern und Scheichs an Karneval.

 

Für Interessierte:

LG Frankfurt/Main 16.11.2017 - 2–24 O 37/17

OLG Frankfurt 25.09.2018 – 16 U 209/17  

 

Musiktipp:

Music for the Native Americans von Robbie Robertson u.a.

 

© am Text: Detlef Wendt