Der 51. Wendt der Woche: Verpiss dich!

21. KW 2019

 

Die Journalistin Carmen Thomas schrieb in den 90-er Jahren ein Buch über Urin. Zur Vertreibung böser Geister und heimtückischer Krankheiten empfahl sie, Urin zu trinken. Zum Glück nur den eigenen. Damit griff sie eine alte Tradition auf, die sich hier und da auch heute noch großer Beliebtheit erfreut. Zum Beispiel in Hallenbädern. Besonders eifrige Pinkler, so versicherte mir ein Bademeister, seien Kinder und Greise.

 

Meine Frau meinte, in meinem Alter sei es an der Zeit, Krampfadern und anderen hässlichen Männerkrankheiten vorzubeugen. Sie meldete mich bei einer Seniorenschwimmgruppe an. Der erste Abend begann unverfänglich: Erste kleine Laufübung im Nichtschwimmerbecken, anschließend große Vorstellungsrunde im Kreis. Der Wasserpegel befand sich in Brustwarzenhöhe, Zwerge und Riesen ausgenommen.

 

Neben mir ein äußerst agiler Mittachtziger, der unsere erste Übung eifrig im Stehen fortsetzte. Marschieren im Stand, so nennt man das, glaube ich, beim Militär. Wir waren in unserer Vorstellungsrunde gerade bei Bernd, 74, angekommen, überdurchschnittlich groß und Dauercamper. Er versprach sich durch die Wassergymnastik eine Besserung seines Rückenleidens.

 

War der Abend bis hierhin ziemlich unspektakulär, nahm er in dem Augenblick langsam Fahrt auf, als ich in den von meinem hyperaktiven Nachbarn aufgewirbelten Wellen eine dunkelgelbe Flüssigkeit entdeckte, die sich enorm schnell ausbreitete und in Richtung meiner Brustwarzen schwamm. Bei genauerem Hinsehen stellte ich fest, dass die Flüssigkeit aus der Badehose des greisen Soldaten stammte. Angewidert zeigte ich mit dem Finger auf den undichten alten Sack und stammelte „Der pisst ins …“. Weiter kam ich nicht. Der alte Leutnant holte tief Luft, tauchte unter und erhob sich mit offenem, bis an die Oberkante seiner Unterlippe mit Flüssigkeit gefülltem Mund, die er prustend auf uns spuckte und den Rest mit soldatischem Pflichtbewusstsein hinunterschluckte.

 

Als ich daraufhin in die Kreismitte kotzte, wurde es ein unvergesslicher Abend für uns alle. Unser Gruppenleiter hatte große Mühe, den Soldaten, Bernd und die übrigen davon abzuhalten, mich zu lynchen. Er legte mir nahe, mich schleunigst zu verpissen. „Und komm bloß nicht wieder“ rief Bernd mir noch hinterher.

 

In Düsseldorf hatte ein Vermieter das Badezimmer der Mietwohnung mit einem hochwertigen Marmorfußboden ausgestattet. Nach Vertragsende stellte er fest, dass sein Mieter zwar fanatischer Stehpinkler, aber gleichzeitig auch vehementer Gegner jeder Reinigungstätigkeit in Klonähe war. Um die Toilette herum war der Boden durch den Urin nämlich so stark verschmutzt, ja fast verätzt, dass er zum Preis von knapp 2.000 € erneuert werden musste. Dieses Geld wollte er vom Mieter wiederhaben.

 

Der Düsseldorfer Amtsrichter ließ offen, ob es bei Männern zum vertragsgemäßen Gebrauch gehöre, im Stehen zu pinkeln. Klar und eindeutig war für ihn nur eines: Ein männlicher Mieter müsse nicht damit rechnen, dass durch überspritzenden Urin Verätzungen auf dem Fußboden entstehen können. Im Gegenteil, meinte der Richter, der Vermieter hätte den Mieter auf diese Gefahr hinweisen müssen. Zumindest dann, wenn er so wagemutig ist, einen derart empfindlichen Boden einzubauen. 

 

Gegen das Urteil legte der Vermieter Berufung ein, die vom Landgericht Düsseldorf zu meiner unmaßgeblichen Verwunderung zurückgewiesen wurde.

 

Ich vermute, die Richter waren noch richtige Männer, solche von echtem Schrot und Korn, vielleicht ehemalige Bundeswehrsoldaten oder Söldner, so vom Typ Chuck Norris, die sich morgens zum Frühstück erst einmal ein paar Pfannen in die Eier hauen. Nicht solche Heulsusen wie dieser Vermieter mit seinen verrückten Ideen, nach dem Pinkeln müsse man putzen. Wo kämen wir denn dahin, wenn wir anfingen, das von Männern zu verlangen? Jedenfalls nicht nach Düsseldorf, das steht fest. 

 

Mein Tipp: Sollten Sie jemals eine Wohnung an einen männlichen Mieter vermieten, könnten Sie ihm die Mitgliedschaft in einer Männerschwimmgruppe nahelegen. Vielleicht ist er da ja unter Gleichgesinnten.

 

Für Interessierte:

AG Düsseldorf 20.01.2015 – 42 C 10583/14

LG Düsseldorf 12.11.2015 – 21 S 13/15

 

© am Text: Detlef Wendt